Laura Melina Berling im Interview mit der Erzählzeit 2026
Laura Melina Berling – genannt Lina Berling – ist Autorin und Bloggerin mit Themenschwerpunkt Feminismus. Am 28. März wird sie im Rahmen der „Erzählzeit ohne Grenzen“ in den Hegau kommen.
Frau Berling, nach Ihren Sach- und Kinderbüchern haben Sie nun Ihren ersten Roman geschrieben. „Medusa in Paradise“ greift starke gesellschaftliche und feministische Themen auf. Worum geht es konkret in Ihrem Werk?
Lina Berling: Nach einem Flugzeugabsturz stranden zwanzig Frauen auf einer abgelegenen Insel und befinden sich damit in einem Ausnahmezustand. Während ein Teil der Frauen fest davon überzeugt ist, bald von der Insel gerettet zu werden, achten die anderen auf eine genderneutrale Sprache oder wollen den Kommunismus ausprobieren. Dabei geraten sie ständig in Konflikte, die sie davon abhalten, eine neue, gemeinsame Welt zu erschaffen oder sich mit den rohen Zuständen auf der Insel und dem eigenen Überleben zu befassen.
Warum haben Sie sich für das Motiv der Insel und der Gemeinschaft ausschließlich aus Frauen entschieden?
Lina Berling: Nachdem ich sehr lange einen feministischen Blog auf Instagram hatte und mich eingehend mit diesem Thema auseinandergesetzt habe, lag das Thema nahe. In den letzten zwei Jahren ist nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen ein großer Frust entstanden, weil wir die Welt als krisenhaft empfinden und uns orientierungslos fühlen. Wir möchten uns zusammenschließen – gegen Antifeminismus, gegen die Folgen des Kapitalismus. Gleichzeitig wird das immer schwieriger, weil teilweise extreme gegenseitige Vorwürfe aufkommen, wenn jemand vermeintlich etwas falsch macht. Daraus resultieren Hoffnungslosigkeit und ein Ohnmachtsgefühl. Die Insel steht sinnbildlich für eine Welt, in der man nur überleben kann, nur dann weiterkommt, wenn wir lernen, uns auf eine andere, konstruktive Art zu streiten und für ein gemeinsames Projekt zusammenzuhalten.
Ihre Figuren vertreten sehr unterschiedliche Haltungen und Weltbilder. Wie sind Sie beim Entwickeln dieser Stimmen vorgegangen?
Lina Berling: Ich hatte Menschen aus unterschiedlichen Feldern im Kopf, die ich kenne. Hinzu habe ich Personen entwickelt, die eine feministische Position vertreten, wie beispielsweise die Frau als Urmutter oder die Wolfsfrau mit ihren weiblichen Urinstinkten oder eben auch sehr queere Perspektiven. Dazu habe ich viel recherchiert, Interviews aus den 70er Jahren angehört und überlegt: Was würde jetzt diese Frau dazu sagen? Entstanden ist eine Mischung aus Sachbuch und Roman, luftig geschrieben, unterhaltsam, aber gleichzeitig auch mit der Einladung, sich mit den Haltungen der Akteure auseinanderzusetzen.
Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach Humor und Zuspitzung – gerade bei politischen Themen?
Lina Berling: Humor ist Unterhaltung und die Möglichkeit, die Theorie aufzulockern. Etwas humorvoll, überspitzt, satirisch aufzubereiten, beinhaltet die Möglichkeit, einem Thema das Bewertende und die Überheblichkeit zu nehmen. Es geht nicht darum, dass ich etwas verlachen möchte, sondern darum, etwas aufzubrechen, weniger verkrampft anzugehen. Manchmal braucht man Humor, um durchzuatmen und aus einem festgefahrenen Diskurs herauszukommen und um zu überprüfen: Warum streiten wir? Warum sehen wir uns überhaupt als Feinde?
Am 28. März stellen Sie Ihr Buch im Rahmen der „Erzählzeit ohne Grenzen“ vor. Was bedeuten Events wie dieser für Schreibende?
Lina Berling: Ich bin zum ersten Mal dabei und habe noch keine Vorstellung davon, was genau passiert. Ich bin ebenso neugierig, wie aufgeregt. Was ich aber schon sagen kann: Veranstaltungen wie die „Erzählzeit“ sind wichtig als Chance, mit anderen Schreibenden und Lesenden in Kontakt zu kommen, zum direkten Austausch, zur Reflexion, als Plattform, sich zu präsentieren. Es ist ein großer Unterschied, ob ich eine Rückmeldung per Mail oder über Social Media bekomme, oder „face to face“. Das macht das Feedback lebendig und die Kritik – egal ob positiv oder negativ – konstruktiv. Und ich finde es schön, dass die Lesenden zu den Autoren ein Gesicht bekommen. Daher sind Events wie diese für alle Seiten eine große Bereicherung.
Was versprechen Sie sich von der „Erzählzeit“ im Vergleich zu klassischen Lesungen?
Lina Berling: Es ist mir in meinen Lesungen wichtig, dass sie interaktiv sind, ich mit den Leuten ins Gespräch gehe, sie ins Boot holen kann. Besonders freue ich mich, wenn ich ein generationsübergreifendes Publikum habe, wenn Menschen kommen, die nicht die „typischen“ Leserinnen und Leser sind, wir in den Austausch gehen, ich andere Perspektiven höre und ich dadurch noch einmal neue Impulse bekomme. Darum bin ich gespannt, was mich im Hegau, in solch einer komplexen Veranstaltung, erwartet. Was ich auf jeden Fall schon einmal sagen kann, ist, dass die “Erzählzeit ohne Grenzen” eine tolle Struktur hat und ich mich überaus willkommen und sehr umsorgt fühle. Literaturevents wie diese haben eine große Signalwirkung, verleihen Autorinnen und Autoren eine Stimme, öffnen Türen. Und was das Besondere ist: Die Veranstaltungen kommen bis in die kleinsten Orte, die Literatur kommt zu den Menschen.
Fragen: Nicola Reimer
Credits: Johanna Stolzenberger